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19. Dezember 2012
Eigentlich war Seppel ein ganz normales Pony. Außer mir fand niemand etwas Besonderes an dem Braunschecken. Der Isländer-Wallach durfte in einem Offenstall leben, an dem allerdings der Zahn der Zeit genagt hatte. Doch meinem Mann fehlte die Zeit für eine Reparatur.
„Das sprengt meinen Zeitrahmen“, sagte er.
Seppel wechselte sein Fell und sein Aussehen mit den Jahreszeiten. Im Sommer erinnerte sein glänzendes Fell an ein edles Vollblut, im Herbst begann das Winterfell zu wachsen und Seppel sah aus wie ein Indianerpony oder das Pferd von Little Joe. Im Winter glich er mit seinem struppigen Pelz einem Eisbär. Im Frühjahr fielen die langen Haare aus und die lehmverschmutzten Flecken wurden wieder blütenweiß.
Seppel war nicht nervös, hektisch oder ungeduldig wie andere Pferde oder viele Menschen. Zum Beispiel die Japaner. Emsig wie Ameisen sind sie ständig in Bewegung, hasten morgens durch die Straßen ihrer Hauptstadt zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Aber vielleicht bleibt ihnen nach Fukushima nicht mehr viel Zeit. Obwohl die Japaner keine Zeit verloren und unverzüglich mit den Reparaturarbeiten begannen, arbeitete die Zeit gegen sie und das Atomkraftwerk segnete das Zeitliche. Die radioaktive Strahlung nicht. Deren Halbwertzeit überdauert die Unendlichkeit. Für uns Europäer schien damals die Zeit stillzustehen. Zeitzeugen berichteten über die Katastrophe und die Welt hielt vor Entsetzen über das Unvorstellbare den Atem an.
Auch in Deutschland leiden viele Menschen unter Zeitmangel. Ständig jagen sie der Zeit hinterher. Einige versuchen, Zeit zu sammeln. Mittels einer Stechuhr wird die überflüssige Zeit gemessen und auf einem Zeitkonto gesammelt. Je nach Arbeitsbereitschaft kann man dort innerhalb kürzester Zeit über Stunden, Tage, Wochen verfügen. Allerdings habe ich festgestellt, dass einem diese Zeit an anderer Stelle fehlt. Wenn ich im Winter statt um 15 Uhr um 18 Uhr nach Hause kam, war es, weil die Tage kürzer waren, schon dunkel, und ich konnte keinen Ausritt mit meinem Seppel unternehmen. Da half mir das Zeitkonto wenig. Deswegen versuchte ich, Zeit zu sparen. Ich arbeitete schneller und schaffte in sieben Stunden, wofür ich sonst acht Stunden benötigte. Doch als ich um eine Gutschrift der gesparten Zeit auf mein Zeitkonto bat, lachte mein Chef mich aus:
„Da könnte ja jeder kommen, Sie Tagedieb!“
Das berührte mich außerordentlich. Ich hatte nie beabsichtigt, meinen Chef zu bestehlen. Aber es gibt Menschen, die stehlen einem die Zeit. Ärzte zum Beispiel. Stundenlang hockt man im Wartezimmer. Wenn man dann endlich an der Reihe ist, nimmt der Arzt sich höchstens zwei Minuten Zeit für den Patienten. Was macht ein Arzt mit all der gestohlenen Zeit? Vielleicht verkauft er sie an Finanzbeamte. Die verfügen über genügend Zeit. Jedes Jahr traf ich bei der Abgabe meiner Steuererklärung auf einen Beamten, der meine Angaben eine Ewigkeit studierte, langsam sprach und sich fast so wenig bewegte wie Seppel.
Stundenlang verharrte der Isländer wie angewurzelt auf seinem Paddock und beobachtete den Bauern, der nebenan sein Feld pflügte. Geduldig wartete er im Winter den ganzen Tag auf die Fütterung. Er verfügte über unermesslich viel Zeit. Dabei wurde ihm die Zeit nie lang. Bei Kindern ist das anders. Jedes Kind weiß, wie sehr sich die Stunden und Minuten dehnen können, wenn man auf Weihnachten wartet. Nur die Erwachsenen finden, dass die Zeit wie im Flug vergeht.
„Wo ist nur die Zeit geblieben?“, wundern sie sich. „Mir ist, als wäre erst gestern das letzte Weihnachtsfest gewesen.“
Ich persönlich stellte bei meinem letzten Flug (nach Amerika) fest, dass die Zeit beim Fliegen nicht schneller vergeht als sonst. Die Reise wollte und wollte kein Ende nehmen, die Zeit wurde mir viel zu lang. Ich hätte sie gern auf meinem Zeitkonto gespart. Kaum hatte ich wieder Boden unter den Füßen, flog die Zeit nur so dahin, obwohl die Uhren in New York sechs Stunden weniger als bei uns in Europa anzeigten.
Wenn ich auf Seppel saß, hatte alles seine Richtigkeit. Und seine Zeit. Seppel war ein Zeitentschleuniger.
„Komm, Seppel, wir gehen die Zeit anhalten“, sagte ich, wenn ich den Sattel auflegte. Wir ritten los in eine andere Zeitdimension. Gemütlich trotteten wir über Feld- und Waldwege, und die Zeit verlangsamte sich. Ich nahm nicht nur das Grün der Wiesen wahr, sondern erkannte sogar die einzelnen Grashalme, sah die lila Blüten des Wiesenschaumkrauts, später den gelben Löwenzahn und im Sommer die weißen Margeriten. Im Herbst streunten wir durch die Weinberge, und ich zählte die grünen und blauen Trauben, von denen ich von Zeit zu Zeit eine naschte. Ich entdeckte ein Reh, das sich in der letzten Herbstsonne wärmte, eine Maus, die schnell in ihr Mauseloch huschte oder einen Igel, der sich für den bevorstehenden Winter einen dicken Ranzen anfraß. Ich verfolgte den Rhythmus der Jahreszeiten. Das erste zarte Grün im März, das satte im Sommer, das im Herbst gelb und im Winter von Schnee bedeckt wurde. Ich fühlte die unterschiedliche Beschaffenheit des Bodens unter Seppels Hufen, die auf Asphalt gleichmäßig klapperten, auf trockenen Graswegen dumpf klangen, auf matschigem Lehm schmatzten und im Schnee knirschten.
Seppel schenkte mir Zeit. Ich meine, wirkliche Zeit. Nicht wie der Staat, der im Herbst die Uhren zurückstellt und uns angeblich eine Stunde Zeit schenkt. Ende März wird uns diese Stunde wieder weggenommen. Also ist es gar kein echtes Geschenk, sondern geleaste Zeit.
Manche Menschen behaupten, Schüler würden ihre Zeit totschlagen, stundenlang in der Schule herumhängen und doch nichts Gescheites lernen. Das wäre vergeudete Zeit. Und obwohl jeder Tag 24 Stunden, also 86400 Sekunden hat, gibt es Unterschiede in der Zeitrechnung. Eine Schulstunde währt 45 Minuten, ein Schultag hat demzufolge 64800 Sekunden. Die fehlenden 21600 Sekunden haben die Schulkinder vermutlich totgeschlagen.
Mit Seppel, dem Zeitentschleuniger, wurde Zeit frei gesetzt. Und Energie und Kreativität. Wie in einer Zeitblase bummelten wir durch die Landschaft. Meine Ohren hörten vorher nicht wahrgenommene Geräusche, das Tirilieren der Lerchen, das Tschilpen der Kohlmeisen, den Gesang der Amseln, die unermüdlichen Gespräche der Spatzen und das Gezeter der Krähen, die sich um eine Nuss stritten. Sogar das aufgeregte Quieken der Mäuse, wenn wir uns näherten, entging mir nicht.
Seppel war nie aufgeregt. Im Sommer graste er bedächtig die riesige Koppel ab, schlenderte von hier nach da und ließ sich durch nichts aus dem Takt bringen. Im Winter mahlte er geräuschvoll mit seinen großen Zähnen in aller Seelenruhe das Heu.
Vor 87.034 Sekunden war Seppels Zeit abgelaufen. Obwohl ich den Tierarzt verständigte und hoffte, noch etwas Zeit zu gewinnen, waren seine Stunden gezählt und mein Seppel starb an einer Kolik. Seitdem hetze ich der Zeit hinterher, ohne sie je einzuholen. Sie läuft mir immer davon. Der Tag hat zu wenig Stunden für all die Arbeit, die zu erledigen ist. Falls ich es einmal schaffe, das Abendessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen, verspäten sich garantiert die Kinder.
„Wir haben die Zeit vergessen“, entschuldigen sie sich.
Mein Mann behauptet, ich hätte mein Zeitfenster zu knapp bemessen. Das stimmt nicht. Ich habe zu wenige Zeitfenster. Vielleicht sollte ich meinen Zeitraum vergrößern, um mehr von den Zeitfenstern einzubauen.
Ich glaube, die Zeit ist reif für einen neuen Seppel.
Ihr lieben Pferdeliebhaber, nun will ich nicht länger eure kostbare Zeit in Anspruch nehmen. Ich muss gleich los, die Zeit drängt. Falls ihr etwas Zeit übrig habt, müsst ihr unbedingt zu uns in den Süden kommen, um einen Sommer zu erleben. Ihr findet uns genau auf dem 8. östlichen Längengrad. Ach ja, wegen der Hitze braucht ihr nicht viel Gepäck. Aber bringt genug Zeit mit. Bei uns ticken die Uhren anders!
Eure Momo
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